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Als Friedrich Hayek und Joseph Ratzinger sich trafen

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Zusammentreffen zweier großer Denker: Joseph Ratzinger und Friedrich August von Hayek bei den Salzburger Humanismusgesprächen 1976.

Seit dem Tod von Papst Benedikt XVI. an Silvester ist natürlich viel über sein Vermächtnis geschrieben worden. In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wird sicherlich noch viel mehr über ihn geschrieben werden. Denn er, Joseph Ratzinger, war wahrhaftig ein Prophet unserer Zeit, eine lehramtliche Stimme und einer der größten Denker der letzten Jahrhunderte.

Weniger bekannt jedoch ist ein Zusammentreffen, das er mit einem anderen großen Denker des Jahrhunderts, des Nobelpreisträgers von 1974, Friedrich August von Hayek, in einer wenig bekannten Debatte bei den Salzburger Humanismusgesprächen im Dezember 1976 hatte. Auf den ersten Blick scheint es unvorstellbar, dass Ratzinger und Hayek einander viel zu sagen haben. Doch hier bei den Salzburger Gesprächen – auf die mich ein Freund aus Wien freundlicherweise hingewiesen hat – trafen sich diese beiden Männer, der damals 77-jährige Hayek und der 49 Jahre junge Ratzinger, und debattierten, und schienen sich in der Tat recht gut zu verstehen.

Das Thema der Debatte war die Rolle und das Verständnis des Intellektuellen in unserer Welt. Sind die Intellektuellen zu selbstsicher in ihrer Fähigkeit, neue Ideen des vermeintlichen Fortschritts zu entwickeln? Ist es endlich an der Zeit, sich von utopischen Ideen zu verabschieden? Es überrascht nicht, dass Hayek, der die Diskussion einleitete, angesichts seiner heftigen Angriffe auf das pretense of knowledge, also der zu großen Selbstüberzeugung von Intellektuellen und Wissenschaftlern, in den Jahren zuvor nicht davor zurückschreckte, die intellektuelle Klasse seiner Zeit anzugreifen. In der Tat begann er seine Ausführungen düster, indem er den Intellektuellen mit einem Gehängten gleichsetzte: „Im Haus des Gehängten spricht man nicht vom Strick. Da sollte man eigentlich in einem Rundfunkstudio nicht von den Intellektuellen sprechen. Aber sie sind nun einmal eine unübersehbare Macht.“

Für Hayek sind die Intellektuellen keine Gelehrten im eigentlichen Sinne. Stattdessen sind sie „Althändler in Ideen“. Sie neigen dazu, im öffentlichen Diskurs eine übergroße Stimme zu haben, weil sie aus anderen Gründen als denjenigen, über die sie vorgeben, Bescheid zu wissen, ein hohes Ansehen genießen. Sie sind in der Lage, Wissen zu verbreiten, aber sie neigen dazu, dies mit einer bestimmten Agenda zu tun oder zumindest ohne zu verstehen, was sie eigentlich sagen. Sie kennen die ‚Wissenschaft‘ nicht – ganz gleich, ob es sich um Wirtschaft, Außenpolitik, soziale Fragen oder vielleicht, wie man heutzutage hinzufügen könnte, um gesundheitliche Fragen handelt – aber sie sind es wert, so denkt unsere Gesellschaft, dass man ihnen aus verschiedenen Gründen des Prestiges zuhört.

Für Hayek ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft auf diese Intellektuellen hört, „ein sehr ernstes Problem“, da unser gesamter öffentlicher Diskurs auf den Ansichten und Perspektiven von Personen beruht, die nicht wissen, wovon sie reden. Gerade weil sie keine Ahnung haben, kommen sie mit recht unkonventionellen Weltbildern daher. „Es ist deshalb so bedrohend geworden, weil dort [in der öffentlichen Debatte] die unerhörten Ambitionen entstehen bezüglich dessen, was der Mensch willkürlich aus seiner Gesellschaft machen kann.“ Hier, nicht bei den eigentlichen Experten, entstünden utopische Ideen, so Hayek: „die Vorstellung, dass alles machbar ist, ist natürlich die moderne Form der Utopie, die gerade von den Intellektuellen betrieben wird.“

Dies ist nicht nur ein Problem, das dem öffentlichen Diskurs schadet; es ist, so Hayek, eine Bedrohung für die Demokratie selbst. Denn in einer uneingeschränkten Demokratie, erklärt er, können sich die Intellektuellen Gehör verschaffen und sind eher in der Lage, ihre verhängnisvollen Ideen umzusetzen. In einer uneingeschränkten Demokratie sind die Regierung und die Amtsträger ständig auf die Unterstützung von Interessengruppen angewiesen, die von eben diesen Intellektuellen angeführt werden, die von der perfekten Welt träumen. Und so wird die Demokratie etwas, das „der Sozialismus für seine Zwecke braucht – man könnte nicht Sozialismus anstreben ohne eine unbeschränkte Macht“. Diese Situation, so Hayek weiter, „beunruhigt mich entsetzlich, weil sich die Demokratie, die in ihren elementaren Formen, der einzige Schutz unserer persönlichen Freiheit ist, tatsächlich dermaßen in Misskredit gerät, dass immer mehr und mehr ernste Menschen, die ich außerordentlich schätze, überaus skeptisch über die Demokratie werden.“ Und so fordert Hayek eine eingeschränktere Form der Demokratie, eine, die durch andere Elemente der Regierung besser kontrolliert wird, um die Macht von Interessengruppen und der intellektuellen Elite zu begrenzen. Andernfalls, so seine Überzeugung, wird „sich die Demokratie selbst zerstören“.

Nachdem er düster begonnen und noch düsterer geendet hatte, überließ Hayek das Wort seinen drei Gesprächspartnern. Natürlich waren die beiden anderen Podiumsteilnehmer von Hayeks heftigem Angriff auf die intellektuelle Klasse ziemlich verblüfft. Einer von ihnen weigerte sich offen, überhaupt auf Hayeks Bemerkungen einzugehen, und bezeichnete sie bloß als „sehr witzig“. Der andere sah in der ganzen Diskussion eine „verdeckte Weinerlichkeit und Aggressivität“, ja eine unfaire „Denunziation“. Für ihn folgte Hayek lediglich den Marxisten in seiner Definition des Intellektuellen als Bedrohung und verfiel in „Romantik“, indem er die Arbeiterklasse als Ideal über den Intellektuellen erhob. Aber warum, fragt er sich, hat Hayek dann nicht selbst seinen akademischen Lehrstuhl aufgegeben und ist stattdessen in die Fabrik zu seinen geliebten einfachen Leuten gegangen?

An dieser Stelle trat der aufstrebende Ratzinger, der künftige Papst, auf und verteidigte den fast dreißig Jahre älteren Hayek. Mit dem Argument, dass der Ursprung des Wortes ‚Intellektuelle‘ historisch als Personen verstanden wurde, die sich in einem Bereich oder einer Tätigkeit einen Ruf erworben haben und diesen Ruf nun in einem Bereich – oder in allgemeinen Angelegenheiten – nutzen, in dem sie viel weniger wissen, kam er zu dem Schluss, dass „mir Herr Hayek nicht so absurd in seiner Definition vorgegangen zu sein [scheint], wie es nach dem Votum [unserer Gesprächspartner] aussah“. Und dennoch, obwohl Ratzinger mit der Definition des Intellektuellen einverstanden ist, „möchte ich aber doch das anders werten als Herr Hayek es getan hat“.

Für Ratzinger sind die Gefahren des Intellektualismus kein hinreichender Grund, sich von ihm ganz zurückzuziehen. Eine immer stärkere Spezialisierung und eine Herrschaft der Experten, jeder auf seinem Gebiet, könne auch nicht die Lösung sein, argumentiert er. Wenn das geschieht, verschwindet eine Diskussion über das menschliche Leben im Allgemeinen und wird unmöglich gemacht, da alles subjektiviert wird. Was die Welt dringend braucht, sind wieder Diskussionen über die Objektivität des Menschen, über die objektive Güte des menschlichen Lebens, die wieder auf der Basis der menschlichen Vernunft diskutiert werden sollten.

Anstatt nur die Prämissen des eigenen Fachgebiets zu akzeptieren, müssen auch Akademiker wieder bereit sein, über ihr spezifisches Fachgebiet hinauszugehen und die größeren Themen der Wahrheit des menschlichen Lebens zu erörtern – ja, sie müssen Hayekianische Intellektuelle werden. Der Theologe kann sich genauso in seinem Fachgebiet verfangen wie der Wirtschaftswissenschaftler in seinem, und beide sollten sicherlich nicht die Grundannahmen ihrer Disziplin verallgemeinern. Wenn zum Beispiel die Prämisse des Ökonomen die Theorie des Subjektivismus ist, sollte der Ökonom nicht das gesamte menschliche Leben ebenfalls als subjektiv betrachten. Stattdessen ist jeder aufgerufen – mit dem Mut in der Demut, eine Eigenschaft, der Hayek sicherlich zustimmen könnte – die übergreifenden Themen des menschlichen Lebens und den höchsten Zweck und die Ziele des Menschen zu diskutieren.

Es ließe sich viel über diesen kurzen, aber wertvollen Dialog zwischen diesen beiden großen Denkern sagen. Belassen wir es jedoch bei ein paar kurzen Anmerkungen: Hayeks Ausführungen treffen in unserer Zeit zweifellos in besonderer Weise ins Schwarze. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler war ein großer Verfechter liberaler politischer Systeme. Aber er sah wie sozialistische Intellektuelle eben diese Systeme benutzten, um sie durch Interessengruppen und Lobbyismus zu manipulieren und zu stürzen (heute sind sie oft immer noch Wirtschaftssozialisten, haben aber auch ihre neuen Vorlieben im Wokismus gefunden). In Anbetracht dieser Situation hätten viele von Hayeks politischen Verbündeten den Aussichten auf freie politische Regime gänzlich den Rücken gekehrt, sagt er. Sie waren von diesem System so entfremdet, dass sie jede Hoffnung darauf verloren. Kommt uns das nicht bekannt vor?

Und doch erinnert uns Ratzinger daran – und sollte Hayekianer und alle in der liberalen Tradition daran erinnern – dass vielleicht das eigentliche Problem darin besteht, dass wir im Westen die Diskussionen über das höchste Gut vernachlässigt haben, darüber, was ein (objektiv) gutes menschliches Leben ausmacht (und dass es viele objektiv schlechte Wege gibt, ein menschliches Leben zu führen). Dies war eine der großen Lehren aus Ratzingers Werk: dass wir, auch wenn wir versuchen, gute und nachhaltige Wege zu finden, um Wohlstand zu erreichen, niemals die „Ökologie des Menschen“ selbst aus den Augen verlieren dürfen. Wir dürfen nie vergessen, dass auch der Mensch eine Natur hat, „die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit“. Ratzinger warnt, so könnte man aus seinen Ausführungen schließen: Um eine freie politische Ordnung zu verteidigen, müssen wir darüber sprechen, was den Menschen zur Freiheit befähigt, was das menschliche Leben wirklich schön und exzellent macht. Wird dies vernachlässigt, kann es zu genau dem Zusammenbruch kommen, den Hayek beobachtet.

Wir haben es hier also mit nichts Geringerem zu tun als mit den Debatten, die Konservative und Liberale heute führen – und damit auch mit einer Gelegenheit, von diesen beiden großen Denkern zu lernen. Wenn wir die tiefgreifenden Einsichten von Hayeks Realismus in Bezug auf das, was die Politik tun kann (oder, was vielleicht häufiger der Fall ist, was sie nicht tun kann), mit Ratzingers großartigen Überlegungen zum menschlichen Leben in Betracht ziehen, könnten wir in der Tat eine völlig neue Perspektive auf unsere heutige Welt gewinnen.

Dieser Artikel wurde auf Englisch auf Law & Liberty veröffentlicht.

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Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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