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Der Geistkreis im Wien der Ideen

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Vergessene Genies, verlorene Diskussionskultur: Was der Geistkreis über Wiens intellektuelles Erbe und die Kraft der Ideen verrät.

In seinem materialreichen und inspirierenden Buch Vienna – how the city of ideas created the modern world (2024), (deutsch: Stadt der Ideen: Als Wien die moderne Welt erfand) erzählt Richard Cockett auf welchen Gebieten und auf welche Weise Denker aus dem Österreich der Zwischenkriegszeit die Welt bis heute nachhaltig beeinflussten. Und tatsächlich von der Mathematik (Gödel, Menger) zur Physik (Pauli, Schrödinger), von der Musik (Mahler, Berg, Schönberg) bis zur Architektur (Loos, Frank), von der Philosophie (Popper, Wittgenstein, Carnap) zur Ökonomie (Mises, Hayek, Schumpeter, Machlup, Haberler) und vielen anderen Gebieten wie der Medizin, dem Film und der Literatur haben Österreicher und zu einem beträchtlichen Teil in die USA emigrierte Genies Errungenschaften auf all diesen Gebieten hervorgebracht. Zum Ausgangspunkt seiner historischen Analyse macht Cockett die Beobachtung, dass es vor allem eine Kultur sich teilweise überschneidender Kreise von Denkern war, in welchen sich die besondere Qualität und Kreativität der Ideen in der Diskussion und dem Austausch von Meinungen entwickeln konnte. Im Gegensatz zu heute, wo man Andersdenkende am liebsten „canceln“, ausschalten, diffamieren und mundtot machen möchte, war man daran interessiert, sich mit anderen Meinungen und Gedanken auseinanderzusetzen, um neue Perspektiven kennenzulernen, Argumente zu widerlegen oder auch um den eigenen Standpunkt kritisch zu überdenken. Genau diese Offenheit, diese Kultur des Dialogs und des Austausch führte zu der Innovation auf allen Gebieten, dem Entstehen und Sprießen neuer Ideen, trotz der angespannten wirtschaftlichen und politischen Lage.

Denn Österreich war in der Zwischenkriegszeit Schauplatz scharfer politischer Konflikte, wobei sich drei Lager gegenüberstanden: die marxistische Linke, mit der Kommunistischen Partei, welche auf eine sofortige Revolution wie in Russland hinarbeitete, sowie die Sozialdemokratie, welche teilweise auf eine friedliche Transformation zum Sozialismus setzte. Dann das konservative Lager, welches versuchte das Überleben der neuentstandenen Republik in einem Umfeld kommunistischer Umstürze und faschistischer Machtergreifungen zu sichern und drittens das großdeutsche Lager, welches Österreich als nicht lebensfähig erachtete und den Anschluss an Deutschland erhoffte. So wie heute in fast allen Reportagen des ORF oder anderer Medien, steht auch bei Cockett zunächst der sogenannte Wiener Kreis im Vordergrund. Dieser um die Philosophen Moritz Schlick, Otto Neurath, Hans Hahn, Rudolf Carnap und andere gebildete Kreis, an dessen Treffen auch Größen wie Karl Popper und Wittgenstein teilnahmen, ist umfassend dokumentiert. Philosophisch und wissenschaftstheoretisch verstand er sich als eine dem Empirismus innig verbundene Denkrichtung, welche als Neoempirismus durch ausschließliche Berufung auf das „Gegebene“, auf Sinnesempfindungen (dies ging vor allem auf Ernst Machs fast mystische Betonung der Sinneswahrnehmung zurück) und den Einsatz wissenschaftlicher Methoden eine Befreiung von althergebrachtem Denken erreichen sollte.  Politisch stand er in engem Kontakt mit dem sozialistischen „Roten Wien“, wo man versuchte diese wissenschaftlichen Methoden auf vielen Gebieten umzusetzen. Wien, dies beschreibt Cockett sehr zutreffend, wurde durch diese Kooperation zu einer modernen Stadt transformiert, in welcher sich die Wohnsituation, das Bildungs- und das Gesundheitswesen, die Hygiene und Lage der Bevölkerung insgesamt deutlich verbesserte und international richtungsweisende Modelle entstanden.

Es gab in diesem Wien jedoch auch andere Kreise, wie den Kelsen-Kreis oder das Mises-Seminar, auf welches ich zurückkommen werde. Kein einziges Mal Erwähnung findet in Cocketts Buch interessanterweise der sogenannte Geistkreis, welcher 1921 von Herbert v. Fürth und Friedrich v. Hayek gegründet wurde und bis 1938 bestand und nach der Emigration in den USA noch ein loses Netzwerk bildete. Herbert Fürth entstammte einer geadelten jüdischen Familie und war Studienkollege Hayeks, welcher Rechtswissenschaften und Ökonomie studierte. Die Mehrzahl der Teilnehmer kam aus bürgerlichen jüdischen Familien. Hayek war es stets ein Anliegen, offen, themenübergreifend und aus unterschiedlichsten Perspektiven Dinge zu erörtern, weil er eine tiefe Skepsis gegen sich für unfehlbar haltende, dogmatische Meinungen hegte. Dazu zählte er einerseits den Neoempirismus des Wiener Kreises, welcher sich anmaßte als einziger zu wissen, wo es lang zu gehen hatte [1]), als auch die Rede der Marxisten vom „sicheren Gang der Geschichte“, wodurch diese unausweichlich zum Sozialismus führen müsse. Spätestens 1989 war es mit diesem sicheren Gang bekanntlich vorbei und auch der Neopositivismus des Wiener Kreises, welcher bis in die 1960er Jahre versuchte (R. Carnap), seine Theorie mittels Protokollsätzen und Sprachformeln zu fundieren, ist sang und klanglos untergegangen. Im Gegensatz zu den linken Strömungen dieser Zeit, waren die Exponenten des Geistkreises an freier Marktwirtschaft und einer demokratisch-bürgerlichen Gesellschaftsordnung orientiert (wobei es auch personelle Überschneidungen mit dem Wiener Kreis gab, wie Felix Kaufmann oder den Mathematiker Karl Menger). Vielleicht gibt das einen ersten Hinweis darauf, warum der Geistkreis in den österreichischen Medien so gut wie nie thematisiert wird, auch wenn mit Hayek immerhin ein österreichischer Nobelpreisträger der Initiator war. Wissenschaftstheoretisch orientierte sich der Geistkreis an den kritischen Philosophien Immanuel Kants, David Humes und des Utilitarismus (J. Bentham, John St. Mill). Später resonierte Hayek stark mit dem Kritischen Rationalismus Karl Poppers, einerseits im Sinne der offenen Gesellschaft, aber auch bezüglich dessen kritischer Einstellung, wonach Theorien, im Gegensatz zum Wiener Kreis, nie abschließend verifiziert, sondern immer nur falsifiziert werden können und sich so stets aufs Neue bewähren müssen. Eine weitere Übereinstimmung mit Popper betraf auch die Evolutionstheorie, als einem kontinuierlichen Trial-and-Error Modell, in welchem, wie auf den Märkten, jene Spezies überleben, die die konkret besten Lösungen für neue Probleme entwickeln.

Der Geistkreis traf sich einmal monatlich, wobei nicht nur ökonomische Themen diskutiert wurden, sondern Teilnehmer häufig Vorträge zu Themen gaben, welche nicht aus deren beruflichen Wissensgebiet stammten. Es referierte also auch der Rechtswissenschaftler über Anthropologie, der Ökonom über Mathematik und der Mathematiker über Philosophie. Hayek selbst und ein Teil des Geistkreises waren auch Teilnehmer am Seminar, welches Ludwig Mises in der Handelskammer abhielt. Mises hatte Rechtswissenschaften studiert und habilitierte sich 1913 mit der wegweisenden Arbeit Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, in welcher er die Ursachen für das Entstehen von Inflation darlegte. Im ersten Weltkrieg diente er wie Hayek und Wittgenstein als Artillerieoffizier. Gemeinsam mit seinem Schüler Friedrich Hayek, sowie Carl Menger, Friedrich von Wieser, Eugen v. Böhm-Bawerk und mit Abstrichen Joseph Schumpeter, kann er als Begründer der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, mit ihrem Grundgedanken der Grenznutzenlehre, bezeichnet werden. Diese wirtschaftstheoretische Schule des Liberalismus, welche heute weltweit in Gestalt der Neoliberals eine eminente Rolle spielt wird auch als „The Austrian School“ oder „The Austrians“ bezeichnet und hat sich weitgehend gegenüber dem Staatsinterventionismus von Maynard Keynes durchgesetzt. Während man von Friedrich Hayek in Österreich noch gelegentlich etwas liest, wird Ludwig Mises beharrlich ignoriert. Dabei hat er als Berater der jungen österreichischen Regierung wesentlich dazu beigetragen die schreckliche Inflation der frühen 20er Jahre einzudämmen und das Wirtschaftsinstitut WIFO 1927 begründet. Ein weithin unbekannter Meilenstein ist sein 1922 erschienenes Werk Die Gemeinwirtschaft (englisch: “Socialism“, 1951), eine Totaldemontage des marxistischen Wirtschaftssystems, inklusive einer Beschreibung aller Pathologien und Freiheitsbeschränkungen, welche sich aus einer totalitären Planwirtschaft mit Notwendigkeit ergeben müssen. Mises legt darin dar, dass eine Planwirtschaft ohne effiziente Preisbildung niemals funktionieren könne und daher auf immer weitere, aber scheiternde Eingriffe angewiesen ist. Alle Menschen profitieren vielmehr, wenn die Produktionsmittel nicht in der Hand des Staates sind: „Es liegt im Interesse der Gesellschaft, daß die Produktionsmittel in die Hände jener gelangen, die sie am besten zu nutzen verstehen.“ 1927 publizierte Mises sein grundlegendes Werk Liberalismus, in welchem er eine einfache und klare Darstellung der Prinzipien und Vorteile einer liberalen Wirtschaftsordnung gab. Es wäre heute eine ideale Pflichtlektüre und ein eye-opener für Schüler und Studenten, denn sie würden erkennen, dass viele Mißstände und Verwerfungen, welche ihnen als vom „Kapitalismus“ verursacht gelehrt werden, in Wahrheit durch staatliche Eingriffe und Schuldenpolitik verursacht worden sind. Weiters weist Mises unter anderem darauf hin, dass die Märkte stets Frieden wünschen, aufgrund der Planungssicherheit, funktionierender Lieferketten und stabiler Verhältnisse, während der große Krieg 1914 – 1918 vor allem von greisen and abgehobenen Monarchen, antiquierten Generälen, überforderten Diplomaten (siehe: „Die Schlafwandler“) und nationalen Interessen ausgelöst wurde. Auch heute gehen praktisch alle Konflikte in der Welt von totalitären Regimen und größenwahnsinnigen Diktatoren aus.

Über Mises und Hayek gibt es eine nette Anekdote. Hayek, welcher als Doktorand eine Stelle suchte, wurde bei Mises vorstellig und übergab diesem einen Brief seines Lehrers Friedrich von Wieser, worin dieser Hayek als „vielversprechend“ empfahl. Mises las das Schreiben, blickte ernst auf Hayek und sagte: „Vielversprechend? Ich habe Sie doch noch nie in meinem Seminar gesehen!“ Dennoch wurde Mises Hayeks Lehrer und Mentor und machte diesen zum Leiter des von ihm gegründeten Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO. Auch über diese Leistung Ludwig Mises hört man in Österreich nichts, obwohl jeder das WIFO kennt. Wenn man nicht links ist, dann hat man selbst als Vertriebener in der Erinnerungskultur keinen Platz. Dies wird noch deutlicher, wenn man die Teilnehmer des Geistkreises betrachtet: Alfred Schütz (siehe: „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ – sein Vater Otto Schütz war Prokurist des Bankhauses Ephrussi) war einer der berühmtesten Soziologen des 20. Jahrhunderts, ebenso Eric Voegelin der Politologe. Felix Kaufmann, welcher für die Anglo-Iranian Oil Company als Jurist arbeitete referierte im Geistkreis außer über Logik und Mathematik vor allem über wirtschaftliche Themen. Oskar Morgenstern war ein bedeutender Wirtschaftswissenschaftler, ebenso Gottfried Haberler, Fritz Machlup und natürlich Friedrich v. Hayek, der spätere Nobelpreisträger. Geschichtliche Themen behandelte Friedrich Engel-Jánosi und Robert Wälder, ein Schüler Sigmund Freuds, psychologische Themen. Weitere Teilnehmer waren Emanuel Winternitz, Jurist und Anhänger Hans Kelsens, sowie Walter Fröhlich, Wirtschaftsjurist. Betrachtet man noch die Teilnehmer von Ludwig v. Mises Privatseminar wie Paul Rosenstein-Rodan, die Bankiers Karol Schlesinger und Victor Bloch, den Wirtschaftsexperten Richard Schüller, die Ökonominnen Ilse Mintz, Martha Stephanie Braun (Martha Steffy Browne), sowie Helene Lieser, welche als erste Frau den Doktor der Politikwissenschaften erhielt, so erkennt man die bedeutende intellektuelle Schwerkraft dieser beiden Kreise in Richtung auf eine liberale, demokratische Zukunft, in welcher auch Frauen und Menschen jeder Herkunft gleichberechtigt diskutierten, vor dem Hintergrund einer freien, marktwirtschaftlichen Weltordnung.

Obwohl Hayek 1931 dem Ruf an die LSE in London folgte, wo er Wirtschaftswissenschaften lehrte, so blieb er offensichtlich stark an angrenzenden Themenbereichen interessiert. Im Jahr 1952 erschien sein Buch The Sensory Order, welches eine umfassende Kritik der Wahrnehmungstheorie von Neoempirismus und Behaviorismus darstellt. Wie schon erwähnt, folgte der Wiener Kreis der extrem sensualistischen Wahrnehmungstheorie Ernst Machs, welcher in Erkenntnis und Irrtum von 1917 feststellte: „So geht alles intellektuelle Leben von den Sinnesempfindungen aus und kehrt wieder zu diesen zurück.“ Im Grunde geht diese Ansicht auf David Hume zurück, weshalb Mach auch bekannte: „Dass meine Ausgangspunkte von jenen Humes nicht wesentlich verschieden sind, ist wohl deutlich.“ Und ähnliches konstatierte auch Moritz Schlick, der Begründer des Wiener Kreises auf der letzten Seite seiner Allgemeinen Erkenntnistheorie: „Der Standpunkt, auf den man durch solche Betrachtungen gelangt, ist im Grunde schon derjenige Humes gewesen. Ich glaube nicht, daß es möglich ist, wesentlich über ihn hinauszuschreiten.“ Hayek zeigte in seiner Kritik, dass diese „impressionistische“ Wahrnehmungstheorie des „Gegebenen“ vollkommen naiv und verfehlt ist und durch die damals noch ignorierte Gestaltpsychologie viel besser zu verstehen ist. Die wissenschaftliche Sehtheorie der Gegenwart hat seinen Standpunkt vollkommen erhärtet und die Gestaltpsychologie stellt heute das Paradigma der Artificial Intelligence Community dar. In einem weiteren Werk: Missbrauch und Verfall der Vernunft wandte sich Hayek 1959 gegen die nun zum Szientismus gewandelte Form des Neoempirismus des Wiener Kreises. Hierbei ging es Hayek erneut darum zu betonen, dass alle Wissenschaften von zahlreichen Faktoren abhängen, welche vom Zeitgeist und der jeweiligen Perspektive abhängen, wodurch uns viele Faktoren (noch) unbekannt sind und wir deshalb immer Vorsicht walten lassen und uns nicht Absolutheit des Wissens anmaßen sollten. Ein gutes Beispiel sind die Atomkraftwerke, welche vor 40 Jahren Ausgangspunkt der grünen Bewegung  waren, Atomkraft heute aber zu den „grünen“ Technologien zählt. Das „sichere Wissen“ hat sich innerhalb von 40 Jahren in sein Gegenteil gewandelt. Dabei hat Hayek aber stets betont, nicht der Wissenschaftsfeindlichkeit oder dem Irrationalismus das Wort reden zu wollen. Es war seine Überzeugung, dass liberale Demokratien stets von Offenheit und der Fähigkeit zur Selbstkritik geprägt sind, wo niemand ein absolutes Wissen besitzt, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird. Solches anmaßendes Wissen sei das Kennzeichen totalitärer Denkweisen, wo einzig die Partei oder der Führer den sicheren Weg in den Abgrund kennt.

Der große Wissenstransfer der österreichischen Intelligenz bahnte sich schließlich in den 1930er Jahren an. Ludwig Mises konnte aufgrund seiner jüdischen Herkunft keine reguläre Professur in Österreich erlangen, folgte zunächst 1934 dem Ruf nach Genf und emigrierte 1940 unter abenteuerlichen Umständen buchstäblich in letzter Minute durch Frankreich in die USA. Während er heute in Österreich weitgehend vergessen ist, gilt er in der Nationalökonomie als einer der Heroen und Begründer des heute erfolgreichen Wirtschaftsliberalismus. Felix Kaufmann war nicht nur ein brillanter Philosoph, er trug auch auf ganz spezielle Weise zum Mises-Kreis bei. Denn dieser traf sich nach den langen Diskussionen traditionellerweise im Restaurant Ancora Verde im ersten Bezirk, wo auf die Diskussionen zugeschnittene, von Kaufmann verfasste Wienerlieder gesungen wurden, z.B. das Mises-Kreis-Lied oder das Grinzingerlied. Er emigrierte 1938 in die USA und lehrte Rechtswissenschaften in New York. Oskar Morgenstern lehrte Konjunkturtheorie in Princeton. Er entwickelte gemeinsam mit John v. Neumann, einem ungarischen Emigranten und führenden Mathematiker des 20. Jahrhunderts die ökonomische Spieltheorie. Fritz Machlup war ein genialer Nationalökonom, welcher schon frühzeitig die Bedeutung von Wissen für die Dynamik der Wirtschaft untersuchte und zum Pionier der Informationsgesellschaft wurde. Er erhielt 1935 eine Professur in Buffalo, später an der Johns Hopkins Universität. Alfred Schütz, Begründer der Lebenswelttheorie lehrte nach seiner Emigration in New York, der Politologe Eric Voegelin an der Louisiana State University. Gottfried Haberler, emigrierte 1936,lehrte in Harvard und wurde Präsident der American Economic Association. Paul Rosenstein-Rodan emigrierte nach England und lehrte an der London School of Economics, später ging er zur Weltbank und lehrte in den USA am MIT. Herbert Fürth schließlich emigrierte 1938 in die USA und lehrte Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Washington, war Experte bei der FED, der Notenbank der USA und wurde dort auch Chief of the International Financial Operations Section. Ilse Mintz emigrierte 1938 in die USA, arbeitete am National Bureau of Economic Research (NBER) und war Professorin an der Columbia University. Martha Steffy Browne (Braun) promovierte 1921 als eine der ersten Frauen in Staatswissenschaften. Sie emigrierte 1938 in die USA und lehrte Nationalökonomie in New York. Emanuel Winternitz emigrierte 1938 in die USA und war Museumsdirektor in New York. Walter Fröhlich emigrierte 1938 und wurde Professor für Steuerrecht an der Marquette University in Milwaukee.

Mit Friedrich Hayek, dem Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1974, schließt sich der Geistkreis. Hayek, der aus einer katholischen Familie stammte, half etlichen seiner jüdischen Freunde aus dem Geistkreis bei der Emigration. Er wurde Professor für Nationalökonomie in Chicago, später in Freiburg. Hayek war stets überzeugt, dass freie Wirtschaft, Wettbewerb und das Offenbleiben für neue Perspektiven und Lösungen eng zusammenhängen. Diese Einstellung drückt sich sehr plastisch in einem Satz seines Werks Die Verfassung der Freiheit aus: „Weil jeder einzelne so wenig weiß und insbesondere, weil wir selten wissen, wer von uns etwas am besten weiß, vertrauen wir darauf, daß die unabhängigen und wettbewerblichen Bemühungen Vieler die Dinge hervorbringen, die wir wünschen werden, wenn wir sie sehen.“ Betrachtet man unvoreingenommen die Entwicklung der Weltwirtschaft seit dem Jahr 1900, ausgedrückt im GDP der Welt, in seiner Aufteilung auf die einzelnen Regionen der Welt, dann erkennt man, dass seit dem Auftreten des Kapitalismus, vor allem aber in seiner liberalen Form der letzten 45 Jahre, ein nie gekannter, unfassbarer Wohlstand geschaffen wurde, wo es allen besser geht als in den Epochen zuvor, auch jenen, wie Mises betonte, denen es noch nicht so gut geht. Das gleiche Bild ergibt sich für die Entwicklung des durchschnittlichen GDPs pro Kopf. Alle profitierten vom geschaffenen Wohlstand, auch wenn die von der „dritten Welt“ verursachte Überbevölkerung dieses Bild verwässern mag. Dies dokumentiert ganz offensichtlich den umfassenden Triumph der Ideen der Austrian School der Nationalökonomie, während der Marxismus in allen Ausprägungen versagte und 1989 komplett implodierte. Dieser Untergang geschah nicht durch eine militärische Niederlage, wie bei anderen totalitären Systemen, sondern durch ein systemisches „Multi-Organversagen“, eine Selbstauflösung.

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Diesen Ausgang lässt auch Richard Cockett in seinem Buch Vienna – How the City of Ideas Created the Modern World anklingen, denn es waren die Ideen von Mises, Hayek und den Teilnehmern des Geistkreises, welche diesen enormen Aufschwung der Wirtschaft im Wesentlichen entwarfen, argumentierten und katalysierten. Interessanter Weise bezieht sich Cockett im Titel auf die Ideen, welche in Österreich entstanden sind und nicht auf die Sinnesempfindungen (des Wiener Kreises). Und das ist genau richtig. Wie Ludwig Mises in Die Gemeinwirtschaft von 1922 (Socialism) feststellte: „Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte von Ideen. Denn es sind die Ideen, Theorien und Doktrinen, die das menschliche Handeln leiten, die bestimmen, welche Ziele die Menschen letztlich anstreben und welche Mittel sie zur Erreichung dieser Ziele einsetzen.“  Denn die Ideen sind der Motor der Innovation und damit des wirtschaftlichen Aufschwungs und des Wohlstands aller.

[1] So meint Otto Neurath in: Wissenschaftliche Weltauffassung, Sozialismus und Logischer Empirismus (1929), Hrsg. Rainer Hegselmann, Frankfurt/M. 1979, S. 100: „Die Vertreter der wissenschaftlichen Weltanschauung stehen entschlossen auf dem Boden der einfachen menschlichen Erfahrung. Sie machen sich mit Vertrauen an die Arbeit, den metaphysischen und theologischen Schutt der Jahrtausende aus dem Wege zu räumen.“

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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