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Die Erdölschocks der 1970er

Die Erdoelschocks der 1970er

Simon Kiwek

Während der 1970er Jahre stiegen die Erdölpreise aufgrund geopolitischer Spannungen im Nahen Osten sprunghaft an. Ähnlich wie während der aktuellen Gaspreiskrise führten diese Erdölschocks zu Verwerfungen der Weltwirtschaft.

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1960 gründeten Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela die OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries), die Organisation erdölexportierender Länder. Die Entstehung der OPEC hing eng mit wirtschaftlichen und politischen Umbrüchen im Zuge der Entkolonialisierung insbesondere der erdölreichen Staaten im Nahen Osten, wie Irak, Iran und Kuwait, zusammen. Diese neuen Staaten lösten sich oft in brutalen Unabhängigkeitskriegen aus langer Abhängigkeit zu ihren Mutterländern Großbritannien und Frankreich. Die Gründung der OPEC war eine Reaktion auf das zunehmende Interesse des Westens an den Ölvorkommen dieser Länder. Die „Seven Sisters“, selbst ein kartellartiger Zusammenschluss amerikanischer und britischer Ölkonzerne, kontrollierten 86 Prozent der Erdölquellen auf dem Territorium der OPEC-Staaten, auf diese Art konnten sie hohe Monopolgewinne durch Kontrolle der Produktionsmenge und Preise erzielen. Dies taten sie jedoch ohne besondere Rücksicht auf die Bedürfnisse ihrer Gaststaaten – deren Bevölkerung war weit weg und demokratische Werte spielten kaum eine Rolle in den Konzernzentralen Londons oder der USA. Beispielsweise billigte die Anglo-Iranian Oil Company, heute BP, dem Iran lediglich zwischen acht und 22 Prozent der Nettogewinne aus der Erdölproduktion zu. Mit der Unabhängigkeit folgten großflächige Verstaatlichungen durch die neuen Regime, die den Anteil der angelsächsischen Konzerne massiv reduzierten. Doch kam die Region dadurch kaum zur Ruhe, es folgten Bürgerkriege, Revolten und Revolutionen, die im Iran das islamistische Mullah-Regime und die sozialistischen Baath-Regime in Irak und Syrien an die Macht brachten. Dabei ging es nur am Rande um Religion oder Ideologie: Hauptsächlich stritt man sich um die gewaltigen Ölreserven und die damit einhergehenden Erlöse und darum Machtinstrumente für die eigenen Gruppierungen zu sichern.

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 Ölraffinerie 1938 im iranischen Abadan. (Quelle: wikicommons, 1970)

Der erste Ölpreisschock 1973

Eine Gelegenheit für die OPEC, ihre Macht unter Beweis zu stellen, bot sich im Oktober 1973, als die Spannungen zwischen dem ebenfalls jungen nahöstlichen Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn am jüdischen Feiertag Jom-Kippur zu einem offenen Krieg eskalierten. Die westlichen Länder stellten sich auf die Seite Israels. Um diese unter Druck zu setzen und dazu zu bringen, ihre Unterstützung Israels zu beenden, senkten die arabischen Länder (Algerien, Irak, Katar, Kuwait, Libyen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate) ihre Fördermengen um etwa fünf Prozent, sodass am 17. Oktober 1973 der Ölpreis innerhalb eines einzigen Tages um 70 Prozent von drei auf fünf US-Dollar pro Barrel stieg. Bis 1974 trieb man den Preis pro Barrel auf 12 US-Dollar.

Der Preissprung des wichtigsten Treibstoffes der industriellen Produktion in den USA und Westeuropa führte zu schweren Wirtschaftseinbrüchen. Großbritannien war zwar selbst zum Ölproduzenten geworden, dennoch genauso wie die USA massiv abhängig von Importen. 1974 schrumpfte Amerikas Wirtschaft um 0,5 und 1975 noch einmal um 0,2 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stieg von 4,6 Prozent im Oktober 1973 auf neun Prozent im Mai 1975. Die Inflation beschleunigte sich von 6,2 Prozent 1973 auf den Höchstwert von 11,1 Prozent 1974 und pendelte sich im Folgejahr auf 9,1 Prozent ein (zum Vergleich, der Erdgaspreisschock im Zuge des Ukraine-Krieges führte 2022 zu Inflationsraten in der Eurozone um die 8 bis 9 Prozent).  Den Briten erging es ähnlich, doch verzeichneten sie mit 2,5 und 1,5 Prozent noch größere Einbrüche als die USA und Inflationsraten bis 24,4 Prozent – äquivalent zum heutigen Osteuropa. Deutschlands Wirtschaftseinbruch und Teuerung hielt sich im Rahmen, doch explodierte die Arbeitslosigkeit von 1,2 Prozent auf 4,4. Ähnlich erging es den Franzosen, der anderen Kolonialmacht des arabischen Raumes, sie litten unter einer Inflation von 13,6 Prozent. 1974 verzeichnete ihre Wirtschaftsleistung ein Minus von 1 Prozent. Ihre Arbeitslosenrate stieg um 1,5 Prozent.

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Der Anteil der OPEC an der Weltproduktion von Erdöl seit 1971. (Quelle: Internationale Energieagentur, 2022.)

Der zweite Ölpreisschock

1979 führte die Islamische Revolution, die den pro-westlichen persischen Schah stürzte, zu einem neuerlichen Schock der Weltwirtschaft. Diese rief Verunsicherungen auf den internationalen Ölmärkten und Förderausfälle hervor. 1980 erfolgte zusätzlich der Angriff des Iraks auf den Iran. Dessen Herrscher Saddam Hussein, von den USA, der Sowjetunion und anderen regionalen Mächten wie Saudi-Arabien und Kuwait als Bannmeile gegen einen fundamental-religiösen Islam unterstützt, trachtete vor allem nach den lukrativen Ölquellen des Irans und eines umfassenden Erdölmonopol seinerseits. In Folge des von beiden Seiten und mit äußerster Brutalität, Kindersoldaten und chemischen Waffen geführten Krieges kletterten die Ölpreise auf 40 US-Dollar pro Barrel.

Doch waren die Auswirkungen des zweiten Ölpreisschocks 1980 bei weitem nicht so stark wie die des ersten. Man hatte sich angepasst, Erdölreserven angelegt, Deutschlands Importe fossiler Energieträger aus der Sowjetunion hatten sich gesteigert. Die großen Länder erlebten ein leichtes Schrumpfen ihrer Wirtschaftsleistung mit bis zu minus 2 Prozent. Inflationäre Tendenzen stiegen in den USA und Frankreich auf über 13 Prozent, dem Vereinigten Königreich auf 18 und Deutschland auf 5,4 Prozent. Diese Entwicklung ging jedoch bereits von bestehenden hohen Inflationsraten aus, ebenso wie hoher Arbeitslosigkeit, die nach dem ersten Erdölschock nie wieder auf Vorkrisenzeiten zurückgekehrt waren. Stagflation hatte die Länder erfasst. Deutschland erlebte 1980 ein erneutes Aufflammen der Arbeitslosigkeit von 3 auf 8,3, Frankreich auf 9 Prozent und im Vereinigten Königreich verdoppelte sie sich gar auf 10 Prozent.

Anfang der 1980er Jahre ging aufgrund einer Rezession und der Förderung alternativer Energiequellen die Nachfrage sowohl nach Energie als auch nach Öl zurück. Dadurch sank der OPEC-Weltmarktanteil auf 40 Prozent. Mitte des Jahrzehnts kam es zu einem starken Markteinbruch, der Markt schwamm in Öl. Der Preis betrug nun weniger als 10 Dollar für ein Barrel Öl. Die Umsätze der OPEC-Mitglieder aus Öl gingen drastisch zurück und führten zu wirtschaftlicher sowie politischer Instabilität in diesen Ländern, die schließlich in noch autoritärere Regime mündeten. Doch Europa hatte sich zum Teil in eine Abhängigkeit zu Gaslieferungen aus Russland begeben, die ihr fünfzig Jahre später zum Verhängnis werden sollte.

Authors

  • Simon studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Ressourcenökonomie in Graz und Göttingen. Während seines Studiums arbeitete er als Wirtschaftsjournalist und schrieb unter anderem Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Afrika und Russland. Nach seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann und zehn Jahren Logistikerfahrung, gefolgt von einer Weltreise durch Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika, führten ihn weitere Karriereschritte in das österreichische Gesundheits- und Wirtschaftsministerium.

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