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Die ganze Geschichte hinter der Inflationsdynamik Österreichs und Rest-Europas

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Im Großen und Ganzen liegen die Inflationsraten Österreichs etwas unterhalb der Eurozone und unseres größten Nachbarlandes Deutschland, welches eine ähnliche wirtschaftliche Struktur aufweist, wie wir selbst.

Die Preise in Europa steigen – überall. Machte man bis vor kurzen noch die ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland als alleinigen Schuldigen aus, so ist längst die Inflation bei einer breiten Basis an Produkten angekommen. Spitzenreiter ist dabei Ungarn, wo inzwischen 80% aller Güter von Teuerungen betroffen sind. Ein detaillierterer Blick auf die einzelnen Komponenten zeigt, die Situation ist etwas komplexer.

Gesamter Verbraucherindex

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Im Großen und Ganzen liegen die Inflationsraten Österreichs etwas unterhalb der Eurozone und unseres größten Nachbarlandes Deutschland, welches eine ähnliche wirtschaftliche Struktur aufweist, wie wir selbst. Lagen wir noch Anfang 2021 unterhalb des Inflationszieles der Europäischen Zentralbank von 2 Prozent, so begannen wir bereits Mitte 2021 über dieses Ziel hinauszuschießen, also etwa ein Jahr vor dem Kriegsbeginn in der Ukraine. Erst mit Juni 2022 bricht Österreichs Inflationsrate aus diesem Trend aus und schießt weit über den Durchschnitt der Eurozone hinaus. Frankreich, das Land Europas mit der geringsten Inflation verblieb schon immer weit unterhalb des Eurozonendurchschnitts.

Verbraucherpreise in Europa

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Spitzenreiter sind auch hier die osteuropäischen Länder mit Teuerungsraten von bis zu 28 Prozent. (Inflation beschreibt hier einen über alle europäischen Länder für alle europäischen Bürger gemittelten Warenkorb, Inflationsraten in Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat).

Verbraucherpreise exklusive Energie

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Doch tatsächlich liegt Österreich selbst bei den Preissteigerungen der Verbraucherpreise exklusive Energie im Mittel weit über den Teuerungsraten der übrigen Euroländer und dies bereits seit Anfang 2021. Mit Ende 2021 begannen die Preise schließlich bereits in die Höhe zu schießen, also bereits vor der Invasion der Ukraine und dem Beginn des Wirtschaftskrieges mit Russland und den damit einhergehenden gegenseitigen Sanktionen. Dies ist insbesondere bedeutsam, da hohe Energiepreise (abgesehen von Strom und Heizung) am Anfang der Pipeline der Teuerung stehen, während sie erst mit jedem weiteren Produktionsschritt Stück für Stück zuerst auf Inputs (etwa Dünger), schließlich auf intermediäre Güter (etwa Kartoffeln) und schließlich erst dann in Form von höheren Preisen bei den Konsumenten (etwa industriell gefertigten Kartoffelchips) aufschlagen – bei Autos und anderen komplexen Gütern ist der Weg noch einmal länger und verworrener. Derzeit sind viele der hohen Preise noch gar nicht auf die Konsumenten umgelegt worden. Das deutsche Ifo-Institut schätzt die Anzahl der Unternehmen derzeit auf etwa 50 Prozent, die bald dazu gezwungen sein werden, dies zu tun. Erschwerend kommen zahlreiche Engpässe hinzu, etwa Chinas strickte Lockdown-Politik, die die Produktion in vielen Fabriken lahmlegt und so die Lieferungen an zahlreiche weiterverarbeitende Unternehmen, etwa in der Elektronikindustrie, verknappt.

Energiepreise

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Bereits seit Jänner 2021 gehen dabei die Energiepreise Europas kontinuierlich nach oben. Dies ist zum einen auf die wiederanspringende Wirtschaft nach strikten Corona-Lockdowns zurückzuführen, jedoch auch auf Russland, welches bereits zu diesem Zeitpunkt seine Gaslieferungen nach Europa reduzierte, um später beim Einmarsch in die Ukraine Druckmittel zur Verfügung zu haben. Besonders bemerkenswert sind dabei die Preissprünge ausgerechnet des Energie- und Erdgasexporteurs Norwegen. Als die russischen Lieferungen ausblieben, sprangen norwegische Lieferanten ein, um die Lücke zu füllen – während Norwegen normalerweise 20 Prozent des europäischen Gases liefert, sind es heute sogar um die 40 Prozent. Doch bis Juni 2022 bewegte sich Österreichs Energieinflation sogar noch unter dem Schnitt der Eurozone insgesamt, erst seit den Sommermonaten steigt sie schneller als der Schnitt – und dies sogar noch schneller als jene Deutschlands, das von russischem Erdgas stärker abhängig ist. Währenddessen schottete Frankreich seine Bürger mit massiven Energiepreisschilden von den Kostenexplosionen ab. Während im Sommer zahlreiche Atomkraftwerke, die immerhin 70 Prozent der französischen Energieversorgung ausmachen, stillstanden, werden diese nun Schritt für Schritt wieder ans Netz gehen. Optionen, die zahlreichen anderen Ländern Europas nicht zur Verfügung stehen.

Preisinflation bei Hotellerie und Restaurants

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Doch wenn die steigenden Energiepreise die hohen Inflationsraten gegenüber dem restlichen Europa nicht erklären können, muss es eine andere Erklärung geben. Tatsächlich liegt Österreich vor allem bei Preissteigerungen der Gastronomiebranche weiter vorne als die meisten anderen Länder.  Begründet liegt dies neben den weltweit steigenden Lebensmittelpreisen selbstverständlich vor allem am Personalmangel. Zahlreiche Beschäftigte der Gastronomie wanderten während anhaltender Lockdowns und unsicheren Aussichten für die eigene Zukunft in andere Branchen ab: von Amazon-Packern bis zum Baugewerbe wurden sie fündig. Mit Aufhebung zahlreicher Beschränkungen suchen viele Gastrobetriebe nun nach Fachkräften – die jedoch nun nicht mehr wiederkommen, insbesondere da auch in den klassischen Herkunftsländern Osteuropas praktisch Vollbeschäftigung herrscht und es sich kaum noch lohnt in Österreichs Tourismusgebiete zurück zu kommen.

Gesundheitsleistungen

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Doch auch bei personalintensiven Gesundheitsleistungen liegt Österreichs Teuerung seit 2021 mit Höchstwerten vor allen anderen Ländern Europas. Während Gesundheitsleistungen in Frankreich sogar in Teilen billiger wurden, erreichte Österreich neuerlich Höchstwerte im März 2022. Vielleicht nicht zufällig brachen diese schließlich im Folgemonat April massiv ein – unter dem neu angelobten Gesundheitsminister Rauch wurde nämlich die gesamte Corona-Strategie überarbeitet und zahlreiche Kräfte wurden wieder frei, um von Test- und Impfstraßen zurück in die Krankenhäuser zu wechseln.

Inflationsentwicklungen in den USA

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Abseits der Energieknappheit aufgrund des Gasmangels ist die derzeitige Inflationsentwicklung also durchaus auch hausgemacht, wie auch die stetig steigende Inflation des Verbraucherindex der Vereinigten Staaten zeigt. Auch hier sind Energie und Elektrizität Haupttreiber der Teuerung zusammen mit Transportdienstleistungen, die naturgemäß ebenso mit fossilen Energieträgern wie Öl zusammenhängen. Mitnichten ist dies auf die verrücktspielenden Weltmärkte für Öl und Gas zurückzuführen, da viele der Pipelines gar nicht zu Ölhäfen und Gasverflüssigungsstationen für den Welthandel des Nettoexporteurs für Öl führen. Doch wie auch in Europa zeigen sich die immensen Verwerfungen durch die Coronapolitik:

Auf der einen Seite wurde viel Geld gedruckt und in Form von Sozialleistungen für private Haushalte und Firmen in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, um genau das nicht zu machen, wofür sie ursprünglich da waren: Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Nun wurden sie dafür bezahlt, zu Hause zu sitzen. Als die Wirtschaft wieder hochgefahren wurde, konnte sie jedoch nicht die Nachfrage bedienen, einer Bevölkerung, die mehr ins Restaurant gehen wollte, mehr ins Kino und all die anderen Aktivitäten nachholen, die man versäumt hatte. Ein Friseur kann nicht plötzlich doppelt so viele Haarschnitte durchführen (zumindest, wenn man unterstellt, dass er, so wie ich, nicht zu Multitasking fähig ist), bloß weil die Schließungsverordnungen weggefallen sind, um die verpasste Konsumation nachzuholen – stattdessen müssen die Preise der Nachfrage angepasst werden: und zwar nach oben. Zwar wollten viele private Haushalte während der Lockdowns den Teil des Einkommens, den sie normalerweise für Restaurant- und Freizeitparkbesuche ausgaben, für materielle  Konsumgüter wie Computer, Laufschuhe, E-Bikes etc. ausgeben, doch konnten auch die nicht mehr ausreichend produziert werden, weswegen von Lieferzeiten für E-Bikes bis hin zu zwei Jahren berichtet wurde. Stattdessen wurden die Gehälter und die hohen Sozialleistungen für all die während der Pandemie arbeitslos Gewordenen, die nicht ausgegeben werden konnten, gespart. Oder sie wurden in Aktienmärkte, Kryptowährungen und windige Start-Up-Ideen „investiert“, sodass deren Kurse in luftige Höhen stiegen. Die Folgen davon sieht man bei den Aktien der großen Tech-Konzerne in den USA: eine Kündigungswelle jagt die nächste. Sie waren eigentlich die Gewinner der Krise gewesen und das Geld der Anleger wurde in zahllose fragwürdige Projekte investiert: ob Zensurmaßnahmen auf Twitter, die selbst bis weit ins linksliberale Lager für Kopfschütteln sorgte.  Oder Amazon, dass mit seiner neuen Herr der Ringe-Serie 500 Millionen US-Dollar durch den Kamin jagte, die aber praktisch nur Gender Studies und Soziologie-Studenten sehen wollten.

Doch selbst bei Spielereien, wie für die Game Store Aktie, konnten die Menschen nicht so viel Geld ausgeben, wie sie gern wollten und legten es weiterhin aufs Bankkonto. Für Deutschland schätzt die Bundesbank den Betrag der überschüssigen Ersparnisse der Haushalte auf immerhin 200 Milliarden Euro – immerhin schon fast die halbe Jahresleistung der österreichischen Volkswirtschaft. Und diese Ersparnisse treffen nun bei Weitem nicht auf genug Kellner und Köche, die die Menschen bewirten wollen. Auch die Pipelines, die in den Jahren zuvor nur teilweise ausgelastet waren, können nun nicht auf Knopfdruck mehr Gas und Öl fassen (ganz zu schweigen von den Tankschiffen), um die Fabriken zu bedienen. Doch auch das Verhalten der Menschen hat sich geändert, zwar boomt der Arbeitsmarkt und die Beschäftigung ist so hoch wie nie, jedoch die Anzahl der insgesamt gearbeiteten Stunden hat sich europaweit reduziert. Hinzukommt, dass die Qualifikationen nicht passen: während sich die Gehälter für essenzielle Jobs, wie LKW-Fahrer, Handwerker oder im Gesundheitsbereich überbieten, sind viele der neu auf den Arbeitsmarkt Eintretenden qualifiziert, nun ja, sich an Wänden festzukleben.

Kurz gesagt, all die Menschen und Firmen, die so großzügig mit Hilfsgeldern und Transferzahlungen während der COVID-19-Pandemie bedacht worden waren, um nichts zu produzieren, müssen nun erkennen, dass während der COVID-19-Pandemie tatsächlich nichts produziert wurde, was man sich nun davon kaufen könnte – außer viel Geld und leerer Versprechungen, unters Volk gebracht von Politikern jeder Couleur. Und jetzt frisst die Inflation das auf, was Regierungen so wohlmeinend verteilt haben. Doch längst hat man die Lösung gefunden, die Menschen für die höheren Energiepreise zu entschädigen: mehr Gutscheine und Geldtransfers – woher das Gas und die Energie kommen soll, die man sich dafür kaufen kann, daran wird noch gearbeitet. Bereits heute kommen buchstäblich alle Wirtschafts- und Inflationsprognosen, die sinkende Inflationsraten ab 2024 versprechen, aller Institutionen dieser Welt ausschließlich unter dem Disclaimer: sofern dann wieder Energie da ist.

Autor

  • Simon studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Ressourcenökonomie in Graz und Göttingen. Während seines Studiums arbeitete er als Wirtschaftsjournalist und schrieb unter anderem Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Afrika und Russland. Nach seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann und zehn Jahren Logistikerfahrung, gefolgt von einer Weltreise durch Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika, führten ihn weitere Karriereschritte in das österreichische Gesundheits- und Wirtschaftsministerium.

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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