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Ein stiller Held in Bordeaux: Die mutigen Taten von Aristides de Sousa Mendes

Ein stiller Held in Bordeaux Die mutigen Taten von Aristides de Sousa Mendes

Im Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vor 85 Jahren ehrte das Hayek Institut einen „Gerechten unter den Völkern“. Der portugiesische Diplomat Aristides de Sousa Mendes rettete Tausenden von Juden das Leben, indem er in Bordeaux portugiesische Transitvisa ausstellte. Diese Aktion kostete ihn seine Karriere und stürzte seine Familie (15 Kinder) in die Armut.

Analyse des Botschafters

Wir freuen uns sehr, dass S.E. Herr Miguel de Almeida e Sousa, Botschafter der Republik Portugal, an unserer Veranstaltung teilnehmen konnte und einen Überblick über das Leben seines Landsmannes gab. Er analysierte die sich überschlagenden Ereignisse des Jahres 1940, in denen Sousa Mendes sich den Befehlen Salazars widersetzte. Hitler drohte, Spanien zum Durchmarsch deutscher Truppen zu zwingen, um Portugal anzugreifen. Portugal konnte sich daher keine „undisziplinierten“ Diplomaten leisten. Als Sousa Mendes sich in Lissabon rechtfertigen musste, konnte es nur eine Verurteilung geben, auch wenn die Richter seinen Mut und seine Menschlichkeit anerkannten.

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Für Botschafter Almeida e Sousa wurde Aristides de Sousa Mendes zum Helden, als er sich trotz persönlicher Gefahr für andere einsetzte. Er habe sich für die moralische Pflicht und die Menschenwürde entschieden und dafür die Verantwortung übernommen.

Die portugiesische Öffentlichkeit würdigte Sousa Mendes erst 50 Jahre später. Natürlich fällt es uns heute leicht, aus der Distanz ein Urteil zu fällen, aber wir dürfen die Umstände nicht vergessen: In einer Diktatur gibt es keine individuelle Freiheit – und ziviler Ungehorsam ist ein Verbrechen. Wie würden wir uns entscheiden? Diese Frage kann jeder nur beantworten, wenn er sich in der gleichen Situation wie Sousa Mendes befindet.

Wer war Aristides de Sousa Mendes?

Robert Kratz beschäftigt sich seit langem mit den Rettern jüdischer Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg. Nach Chiune Sugihara ehrte er nun Aristides de Sousa Mendes. Dieser wurde 1885 im Norden Portugals geboren und entstammte einer vermögenden katholischen Landadelsfamilie. Zusammen mit seinem Bruder studierte er Rechtswissenschaft an der renommierten Universität von Coimbra. 1908 heiratete Sousa Mendes seine Cousine, mit der er 14 Kinder hatte. Mit 25 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst ein und war in Britisch-Guayana, Sansibar, den USA, Brasilien, Belgien und schließlich 1938 in Bordeaux, Frankreich, tätig. Auf dieser letzten diplomatischen Station lernte Sousa Mendes eine 26 Jahre jüngere Frau kennen, mit der er ein Kind hatte.

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Portugal im Zweiten Weltkrieg

Anders als im Ersten Weltkrieg, als Portugal dem Deutschen Kaiserreich feindlich gegenüberstand, blieb es im Zweiten Weltkrieg aus Sorge um seine Kolonien zunächst neutral. Sowohl Portugal als auch Deutschland waren faschistische Diktaturen, Portugal war vom ebenfalls faschistischen Spanien abhängig.

Diktator Salazar verfasste persönlich am 13.11.1939 das sogenannte Circular 14 und schickte es an alle Diplomaten. Darin wurden sie angewiesen, Ausländern mit zweifelhafter Staatsangehörigkeit, Staatenlosen und Juden keine Visa mehr auszustellen. Salazar wollte weder liberale Juden noch Kommunisten im Land haben. Es ging mehr um die Gesinnung als um die Herkunft.

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Zwei Wochen im Juli 1940

Der Diplomat war seit 1938 in Bordeaux akkreditiert und hatte bis zum Circular 14 relativ freie Hand bei der Visaerteilung. Für zwei Wochen im Juni 1940 war Bordeaux die Hauptstadt Frankreichs, bis auch dieser Teil von den Deutschen besetzt wurde.

Sousa Mendes schwankte zwischen Befehlstreue und moralischer Verpflichtung und entschied sich schließlich für letztere, obwohl er damit seine berufliche und materielle Existenz aufs Spiel setzte. Er ließ sogar verkünden, dass er allen Flüchtlingen Visa ausstellen würde. Kriegsbedingt hatte er dazu nur bis zum 23. Juli 1940 Zeit. Innerhalb weniger Tage stellte er, unterstützt von seiner Familie, Tausende von Visa aus, die den Transit durch Spanien ermöglichten. Die genaue Zahl lässt sich heute nicht mehr feststellen, denn Sousa Mendes benutzte nicht nur offizielles Briefpapier. Spanien war abgeriegelt, es gab nur ein Schlupfloch, um von Frankreich nach Portugal zu gelangen. Während des Krieges blieb der Schiffsverkehr von Portugal nach Nord- und Südamerika intakt, so dass von dort die meisten Flüchtlinge Europa verlassen konnten.

Am 23. Juli enthob Salazar Sousa Mendes seines Amtes und schickte den Botschafter in Madrid als neuen Konsul nach Bordeaux. Außerdem erklärte er die von Sousa Mendes ausgestellten Visa für ungültig. Die Grenzübergänge wurden telefonisch informiert. Da die kleinen Übergänge jedoch nicht ausgerüstet waren, gelang es Sousa Mendes selbst, zahlreiche Flüchtlinge über die Grenze zu bringen.

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Die Konsequenzen

Schließlich wurde Sousa Mendes nach Lissabon beordert und verlor neben seinem Diplomatenstatus auch seine Zulassung als Rechtsanwalt. Salazar verwehrte auch seinen Kindern den Zugang zur Universität; die ganze Familie wurde geächtet. Dennoch bezog Sousa Mendes weiterhin sein Konsulatsgehalt. Die finanziellen Schwierigkeiten hatten nichts mit den Visa zu tun, sondern waren wahrscheinlich auf private Probleme zurückzuführen; das 15. Kind in Frankreich musste versorgt werden, der Unterhalt des Hauses war kostspielig, und Sousa Mendes war nicht sparsam. Die Familie wurde von der jüdischen Gemeinde unterstützt, nachdem alles verkauft worden war. Einige Kinder konnten in Amerika studieren.

Nach einem Schlaganfall Mitte der 1940er Jahre war Sousa Mendes körperlich behindert. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er die Mutter seines 15. Kindes. Am 3. April 1944 starb Sousa Mendes in einem Krankenhaus der Franziskaner.

Seine Kinder bemühten sich später um die Rehabilitation. In internationalen Zeitungen erschienen Artikel zu Sousa Mendes‘ Leben. Yad Vashem ließ 1966 eine Gedenkmedaille prägen und ernannte ihn zum „Gerechten unter den Völkern“. 1988 wurde er vom Portugiesischen Parlament rehabilitiert.

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