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Konjunkturzyklen – Woher sie kommen, und wohin sie gehen

Konjunkturzyklen – Woher sie kommen und wohin sie gehen

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Volkswirtschaften wachsen nicht stetig und mit gleichem Tempo. Viel mehr mäandern sie auf und ab und finden sich erst nach einem Tiefpunkt wieder auf noch höherem Niveau. Man spricht hier von Konjunkturzyklen.

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Als Konjunktur bezeichnet man den gesamtwirtschaftlichen Fortschritt, gemessen in Form des realen Bruttoinlandsprodukts und dessen Wachstumsraten. In einer (funktionierenden) Wirtschaft gibt es technologischen Fortschritt und Innovation: Mittels neuer Methoden können Rohstoffe günstiger gewonnen werden, die Entwicklung neuer Maschinen ermöglicht die Herstellung von mehr Gütern mit weniger Rohstoffen in kürzerer Zeit – die Produktion wird also effektiver. Funktionieren die Grundlagen der Wirtschaft in Form von Kredit- und Versicherungsmärkten, die öffentliche Verwaltung und wirtschaftlichen Anreize, die es ermöglichen die Früchte der eigenen Leistung zu ernten, kann die Wirtschaft auf diese Weise kontinuierlich wachsen. Allerdings gibt es regelmäßige kurz- und mittelfristige Abweichungen von diesem kontinuierlichen Wachstumspfad – diese werden Konjunkturzyklus genannt.

Die 4 Phasen des Konjunkturzyklus

Wirtschaftswachstum geht also nicht stetig voran, wenn man sich die Wachstumsraten des BIPs im Zeitverlauf ansieht. Immer wieder gibt es Auf- und Abschwünge. Man kennt dies von durch die eigene Gemütslage: Montags mag die Produktivität noch höher sein, während sie am Freitag vor dem Wochenende bereits abfällt und über das Wochenende vollständig ruht. Ähnlich verhält es sich mit der Leistungsfähigkeit über den Jahresrhythmus, wo man sich während der Wintermonate zu wenig aufraffen kann, dagegen im Sommer vor Energie strotzt. Ähnliches lässt sich auch für die Gesamtwirtschaft beobachten, sowohl über den Jahresverlauf als auch über längere Zeitverläufe. Diese kurz- oder mittelfristigen Abweichungen vom Mittel nennt man Konjunkturzyklen, der Durchschnitt daraus ergibt die stetige Wachstumsrate. Ein Konjunkturzyklus besteht im Wesentlichen aus 4 Phasen:

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Abbildung 2: Schematische Darstellung des Verlaufs eines Konjunkturzyklus

Expansion: Bei einer Expansion wächst die Wirtschaft schneller als im Mittel. Firmen verzeichnen steigende Aufträge und erhöhen damit ihre Produktion, dafür benötigen sie neue Mitarbeiter und Maschinen, was zu einem Rückgang der Arbeitslosigkeit führt und zu weiteren Aufträgen an andere Firmen, bei denen man neue Maschinen oder Inputs von der Schraube bis zur Autotür erhält. Dies wird begleitet von einer milden Inflation zusammen mit niedrigen Zinsen für Kredite, die die Anschaffung von neuen Maschinen und Gebäuden auf Kredit erleichtern. sowie eine optimistische Sicht auf die wirtschaftliche Entwicklung.

Boom: In dieser Hochkonjunktur ist die Nachfrage hoch, immerhin sind alle, die es wollen in Beschäftigung. Selbst wenn sie wollten, würden Firmen also nur sehr schwer neue Arbeitskräfte finden und dies nur zu sehr hohen Löhnen. Ebenso arbeiten die Produktionsanlagen unter voller Auslastung, neue Maschinen müssten zu hohen Fixkosten bestellt werden – und selbst wenn, auch hier nur zu hohen Preisen. Damit steigt zunächst auch das Risiko für diese Firmen, da nicht klar ist, ob man zu diesen höheren Preisen noch Abnehmer findet – Banken erhöhen als Risikoaufschlag die Zinsen. Doch sind auch die verfügbaren Geldmittel, um Kredite zu vergeben, beschränkt. Banken müssen ihre Kreditvergabe rationieren, was bedeutet, nur jene, die höhere Zinsen für ihren Kredit bezahlen können, erhalten auch einen. Der Markt ist gesättigt.

Rezession: Irgendwann hat die Boomphase einen Höhepunkt überschritten, Firmen müssen die Preise erhöhen zu welchen sie keine Käufer mehr finden. Dies führt dazu, dass sie Kapazitäten abbauen müssen. Dies bedeutet, diejenigen Arbeitnehmer müssen gehen, die für die Produktion nicht mehr gebraucht werden. Die Bevölkerung hat weniger Geld, um zu konsumieren. Dies drückt erneut auf die Möglichkeiten von Firmen zu verkaufen, und der Abschwung setzt sich wie eine Spirale fort: Firmen reagieren, und kaufen auch weniger Maschinen bei anderen Firmen, die ebenfalls Arbeiter entlassen müssen. Insgesamt werden weniger Waren und Dienstleistungen angeboten, die Wirtschaftsleistung schrumpft. In den meisten Fällen wird Rezession als ein solcher Wirtschaftsrückgang in mindestens zwei hintereinander folgenden Quartalen definiert. Ähnlich ergeht es den Zinsen: diese sinken, denn die Banken haben genug Geld zu verborgen, jedoch immer weniger Interessenten, die Kredite aufnehmen wollen.

Depression: Irgendwann ist jedoch der Boden der Rezessionsspirale erreicht. Auf diesem Tiefstand verharrt die Volkswirtschaft für einen längeren Zeitraum. Freie Kapazitäten an Arbeitskräften und Produktionsanlagen liegen brach und warten auf Abnehmer – doch die Menschen halten lieber ihr Geld zusammen für eventuelle Notfälle, als es für Restaurantbesuche oder neue Smartphones auszugeben: die Sparquote steigt. Es droht sogar die Gefahr einer Deflation, weil Firmen versuchen sich im Preis zu unterbieten, um noch Käufer zu finden, und die Käufer halten sich mit Ausgaben zurück, in der Hoffnung ihren Konsum in Zukunft noch günstiger zu bekommen.

Irgendwann ist die Wirtschaft schließlich an ihrem tiefsten Punkt angekommen – der Depression.

Ab einem gewissen Punkt springt die Wirtschaft aus denselben Gründen wieder an, aus denen sie zuvor ins Stocken geraten war, nur unter anderen Vorzeichen: Die Löhne und Preise sind niedrig, es gibt genügend freie Kapazitäten für die Produktion und es wird wieder mehr konsumiert. Diese Delle wird insbesondere während der Corona-Pandemie ersichtlich, als die Wirtschaft aufgrund von Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen abgewürgt wurde. Umso kräftiger sprang sie jedoch wieder an, als diese 2022 ausliefen:

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Abbildung 3: Nicht nur Theorie: So gut wie alle Länder erleben mehr oder weniger ausgeprägte Konjunkturzyklen. Engerer Vernetzung und Globalisierung führen zu einer Synchronisierung der Konjunkturzyklen

Während jedes Land und jeder Wirtschaftsraum diesen Konjunkturzyklen unterworfen ist, gilt dies auch für die Weltwirtschaft als Ganzes, insbesondere mit immer größerer Vernetzung der Lieferketten über den ganzen Globus: Berühmte Beispiele für weltweite Depressionen sind die „Große Depression“ ab 1929, die zu einer Arbeitslosenquote von bis zu 25 Prozent in den Industrieländern führte, die Industrieproduktion nahm dabei etwa in den USA, Kanada und Polen bis zur Hälfte ab. In Deutschland trugen die Verheerungen der Krise gar zum Aufstieg des Nationalsozialismus bei. In den 1990er Jahren gerieten Lateinamerika und asiatische Staaten in wirtschaftliche Depressionen. In der neueren Zeit ist die Globale Finanzkrise von 2008 zu nennen, die vor allem die südeuropäischen Länder und die amerikanische Arbeiterklasse in Mitleidenschaft zog. Die Staatsverschuldungen explodierten aufgrund der Rettungspakete, die Arbeitslosenraten schossen in die Höhe und die meisten Länder hatten tiefe Wirtschaftseinbrüche zu beklagen. Außerdem rief die Globale Finanzkrise weitere Krisen hervor: Staatsschuldenkrise, Bankenkrise, Griechenland- und schließlich die Eurokrise.

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Abbildung 4: Konjunkturzyklen lassen sich neben der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts auch aus anderen Indikatoren ablesen, wie hier dem Vertrauen der Konsumenten, der Industrie sowie des Handels. Jeder Sektor reagiert dabei mit unterschiedlicher Ausprägung. Insbesondere zu beachten, die Einbrüche 2008 im Zuge der Globalen Finanzkrise mit Ausgang in den USA, sowie der Wirtschaftskrise im Gefolge der COVID-19-Pandemie. (Quelle: Europäische Kommission, eigene Darstellung, 2023)

Theorien für die Ursachen der Konjunkturzyklen

Die Volkswirtschaftslehre hat dabei verschiedene Theorien für die Gründe natürlicher Konjunkturzyklen hervorgebracht, die nicht durch geopolitische Ereignisse oder Pandemien ausgelöste werden, und einige wirtschaftspolitische, sich oft wiedersprechende, Handlungsempfehlungen für die praktische Wirtschaftspolitik abgeleitet:

So besagt die Konjunkturzyklustheorie der Österreichischen Schule, dass eine Krise mit einem zu niedrigen Zins beginnt. Der sogenannte „natürliche Zinssatz“ entsteht auf einem freien Markt durch Angebot und Nachfrage der einzelnen Akteure nach Kapital. Jedoch bildet sich in modernen Volkswirtschaften der Zins nicht frei durch Angebot und Nachfrage, sondern wird von den Zentralbanken festgelegt. Wenn der Preis für Kapital, also der Zins, niedriger ist als der Marktpreis, dann übersteigt die Nachfrage das Angebot an Ressourcen und Konsum. Es wird mehr investiert, als es beim natürlichen Zinssatz der Fall wäre. Der Staat bzw. die Zentralbank heizt damit die Wirtschaft an, jedoch über deren Kapazität an Arbeitskräften, Inputs und Ressourcen. Ab einem gewissen Punkt muss also die Inflation steigen, weil die Wirtschaft überhitzt und die Nachfrage aufgrund überschießender Investitionen zu hoch ist. Die Notenbank ist gezwungen nun durch Zinserhöhungen einzugreifen. Das führt dazu, dass Investitionen, die unter niedrigen Zinssätzen rentabel waren, plötzlich unrentabel werden. Dies hat zur Folge, dass diese Geschäftsmodelle Schritt für Schritt beendet werden müssen. Als Folge muss ein Projekt nach dem anderen beendet werden, was einen Dominoeffekt hervorruft und in einem Krach endet.

Für den Außenseiter unter den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter sind dagegen Innovationen der Haupttreiber eines Konjunkturzyklus. Eine Innovation sorgt für einen Aufschwung. Die Wirtschaft passt sich der Innovation an. Dieser Anpassungsprozess sorgt für den Abschwung: Alte Produktionsstrukturen werden aufgelassen, veraltete Produktionsmöglichkeiten nicht mehr genutzt, die Wirtschaft wird sozusagen entrümpelt. Den Zeitpunkt zwischen Aufschwung und Auflassung veralteter Projekte bezeichnet Schumpeter als Krise oder als kreative Zerstörung. Sie sorgt für wirtschaftlichen Fortschritt und technologische Innovation. Grundsätzlich glaubt er an eine Selbstregulierung der Wirtschaft, die sich selbst aus der Krise befreien kann.

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Abbildung 5: Auch wenn sich Ökonomen über die Ursachen für Schwankungen innerhalb des Wirtschaftswachstums sind, so sind sie sich einig über die Konsequenzen: Während eines Abschwunges leeren sich die Lager. (Quelle: pexels.com, 2022)

Maynard Keynes sieht dagegen in den Fluktuationen von Beschäftigung, Einkommen und Output die Gründe für Wirtschaftszyklen. Einkommen und Output wiederum hängen vom Beschäftigungsgrad ab. Dieser hängt von den Profitraten des Kapitals, der Zinsrate sowie der Konsumneigung ab. Der Konsum der Menschen und der Zins bleiben stabil und ändern sich nur über sehr lange Zeiträume. Somit bleibt als Hauptgrund für kurzfristige Fluktuationen bei Beschäftigung über den Konjunkturzyklus nur noch der Profit des Kapitals. Diese ist während der Expansionsphase der Wirtschaft hoch: Einkommen steigen, der Beschäftigungsgrad ist hoch, Investitionen nehmen zu, es herrscht Optimismus. Doch schleichen sich mit der Zeit höhere Produktionskosten für neue Kapitalanlagen ein aufgrund von Knappheiten und Materialengpässen. Aufgrund des Wettbewerbs und der Breite der Produktion bleiben die Gewinne auch insgesamt hinter den Erwartungen zurück. Bald weicht der Optimismus der Skepsis und bald darauf dem Pessimismus. Die Erträge aus Kapital kollabieren, Investitionen sinken. Die Abwärtsbewegung verstärkt sich selbst, da jeder Rückgang der Investitionen auch einen mehrfachen Rückgang des Einkommens bewirkt. Die Volkswirtschaft steuert auf eine Krise und Depression zu. In diesem Tal veraltet und verschleißt ein Teil des langlebigen Kapitals und die Lagerbestände an Konsumgütern, die während der Depression angehäuft wurden, werden langsam abgebaut. Mit der zunehmenden Verknappung von überschüssigen Investitions- und Konsumgütern steigen allmählich auch wieder Gewinne und Erwartungen an Erträgen. Die Erholung setzt ein, sobald die Profitrate des Kapitals also wieder steigt und die Wirtschaft expandiert wieder. Dabei argumentiert Keynes, dass der Zeitraum für einen solchen Konjunkturzyklus über die Epochen vergleichbar ist, da die Veraltung und Abnutzung von Kapital in Form von Gebäudebestand und Maschinen immer in einem vergleichbaren Zeitraum stattfindet. Für Keynes ergibt sich daraus die logische Folgerung einer antizyklischen Fiskalpolitik: Der Staat soll in guten Wirtschaftsjahren Geld sparen. Diese Finanzmittel soll er während jener schlechten Jahre eines Konjunkturzyklus ausgeben, um die Wirtschaft mittels Staatsausgaben schneller wieder anzukurbeln.

Laut Marx beginnt der Konjunkturzyklus sowohl mit einem unterdurchschnittlichen Preisniveau und einer unterdurchschnittlichen Profitrate. Das verleitet die Kapitalisten dazu, massenhaft in verbesserte Produktionstechniken zu investieren. Dabei nimmt Marx an, dass die neuen Verfahren sehr kostspielig bzw. kapitalintensiv sind. Die neuen, technischen Produktionsanlagen führen zu einem Wirtschaftsaufschwung. Diejenigen, die die neue Produktionstechnik als erstes einführen, erzielen einen zusätzlichen Profit in Form eines Monopolgewinns, da kein Wettbewerb die hohen Preise unterbietet. Das veranlasst Produzenten, welche veraltete Produktionstechniken verwenden, zur Nachahmung. Die neue Produktionstechnik setzt sich immer stärker durch. Dabei kommt es nun zu einem zeitlichen Verzug: Zwischen der Entscheidung, in neue Technologien investieren zu wollen und bis diese letztendlich auf dem Markt verkauft werden können, vergeht viel Zeit. In diesem Zeitpunkt fehlt den Kapitalisten ein Indikator in Bezug zur Investition: In welcher Höhe soll tatsächlich investiert werden? Wie hoch ist die tatsächliche Nachfrage nach den produzierten Produkten, wie viel Angebot werfen die Konkurrenten auf den Markt? Es kommt zur sogenannten Überakkumulation: Die Produzenten entscheiden sich für höhere Investitionen, als tatsächlich notwendig wären. Das führt zur Überproduktion und einem Angebot, das größer ist als die Nachfrage. Die Preise sinken, Arbeiter werden entlassen, Produktionsanlagen werden stillgelegt. Das Ergebnis ist ein wirtschaftlicher Abschwung. Es fehlt an Nachfrage und Profiten. Die Stagnation ist erst überwunden, sobald neue Produktionstechniken eingeführt werden und der Kreislauf erneut in Schwung kommt.

Authors

  • Simon studierte Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Ressourcenökonomie in Graz und Göttingen. Während seines Studiums arbeitete er als Wirtschaftsjournalist und schrieb unter anderem Analysen zur wirtschaftlichen Entwicklung in Afrika und Russland. Nach seiner Ausbildung zum Speditionskaufmann und zehn Jahren Logistikerfahrung, gefolgt von einer Weltreise durch Osteuropa, den Nahen Osten und Afrika, führten ihn weitere Karriereschritte in das österreichische Gesundheits- und Wirtschaftsministerium.

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