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Über die Anmaßung von Wissen

Anmaßung von Wissen

F.A. Hayek hebt in seiner Rede die Anmaßung von Wissen hervor und erklärt, dass Wissenschaftler oft falsche Modelle erstellen, die auf unzureichenden Daten basieren. Die Suche nach Wahrheit wird durch das Streben nach vollkommenem Wissen behindert, was die Gesellschaft gefährdet. Hayek plädiert für den Marktmechanismus als Schlüssel zur Erkenntnis der Realität.

In seiner berühmten Nobelpreis-Rede vom 11. Dezember 1974 hob F.A. Hayek die Problematik der Messbarkeit beobachtbarer Ereignisse hervor, und die damit einhergehende irrige Behauptung, dass komplexe Phänomene durch empirische Methoden vollständig erklärt werden können. Durch den Einsatz empirischer Daten versuchen die Naturwissenschaften, einzelne Eigenschaften komplexer Prozesse zu erklären. Manchmal ergeben sich Muster, die eine probabilistische Aussage über das Auftreten dieser Eigenschaften erlauben und somit die Struktur dieser Prozesse erklären. Allerdings sind diese Muster nicht dazu in der Lage, jedes einzelne Spezifikum einer Eigenschaft abzubilden, vor allem nicht, wenn es sich um komplexe Phänomene wie dynamische, soziale Strukturen handelt.

Im Falle organisierter Komplexitäten, deren Prozessstrukturen nicht alleine von den Eigenschaften der Strukturelemente abhängen, sondern auch von der Beziehung der Elemente untereinander, können statistische Inferenzen den Informationsgehalt der individuellen Elemente nicht gleichwertig substituieren, sondern einzig und alleine deterministische Lemmas, wobei allerdings eine deterministische Formulierung komplexer sozialer Prozesse nur dann möglich ist, wenn alle Eigenschaften des Prozesses bekannt sind. Da es jedoch unmöglich ist, vollkommenes Wissen über alle verstreuten Elemente komplexer sozialer Phänomene zu erlangen, stößt der Forscher an die Grenzen des erlangbaren Wissens. Wird allerdings ein Rückschluss über die unbekannten Charakteristika, mit der Erwartungshaltung, vollkommenes Wissen über die komplexen Prozesse zu erlangen, durchgeführt, führt dies zu einer Anmaßung von Wissen, das schlichtweg falsch ist.

Der Sinn und Zweck, warum Forscher Modelle kreieren und Theorien aufstellen ist es, die Realität besser verstehen und beschreiben zu können. Die Anmaßung von Wissen veranlasst Wissenschaftler und Forscher jedoch dazu, nur solche Modelle zu formulieren, für die es Daten gibt, die mittels Messung generiert werden können. Wenn nun die dafür zu Grunde liegenden Modelle und Theorien vorgeben, vollkommenes Wissen erlangen zu können, dann unterliegen die verwendeten Daten einer bereits inhärenten Anmaßung von Wissen, da der Zustand des vollkommenen Wissens nie erreicht werden kann. Die verheerende Auswirkung der Anmaßung von Wissen besteht schlussendlich darin, dass der Wissensprozess an sich korrumpiert wird, indem das Mantra einer Selbstüberschätzung erzeugt wird, die eine Vorhersage komplexer Phänomene anmuten lässt. Dadurch ergibt sich dem Forschenden das Scheinbild, auf die Wahrheit gestoßen zu sein, obwohl die Suche nach der Wahrheit lediglich unterbrochen wurde. Aufgrund der Annahme, auf die absolute Wahrheit gestoßen zu sein, sieht der Forschende keinen Anlass mehr, den Wahrheitsfindungsprozess fortzusetzen, und stoppt dadurch den Suchprozess im falschen Glauben die absolute Wahrheit gefunden zu haben.

Insofern ist es möglich, epistemologische Sequenzen zu erkennen, die der Anmaßung von Wissen Innewohnen. Zunächst muss untersucht werden, ob sich der Forscher seiner Anmaßung von Wissen überhaupt bewusst ist. Dies hängt von der Intention des Forschenden ab. Denn der epistemologische Prozess kann entweder durch Nachlässigkeit, Vorsatz oder Ignoranz korrumpiert worden sein. In allen drei Fällen entstehen Nachlässigkeit, Vorsatz und Ignoranz durch Mangel an Wissen. Unbewusstsein, das Überspielen von Unwissenheit oder absichtliche negative Intentionen, sowie Vorurteile auf Grund von Unwissenheit führen zu Nachlässigkeit, vorsätzlicher Vorgabe von Wissen, und Ignoranz. Daher sind alle Ergebnisse, die aus einer Anmaßung von Wissen resultieren, nicht effizient.

Wie Hayek erwähnt, liegt das Problem in der vollkommenen Wissensgenerierung in der Verstreuung von Fakten. Der einzige Mechanismus, der in der Lage ist, vollständiges Wissen zu generieren, ist der Marktmechanismus, da dieser alle verstreuten Fakten nicht nur beinhaltet, sondern auch widerspiegelt. Nur Menschen, denen es an Wissen mangelt, glauben über vollkommenes Wissen zu verfügen. Selbst wenn gute Absichten hinter ihren Handlungen stehen, ändert das nichts an der Tatsache, dass es Entscheidungen, die auf zentralisierten Wissen basieren, an notwendigem Wissen mangelt und daher auf Grund von nicht ausreichender Information etwaige Aktionen zu ineffizienten Resultaten führen müssen. Ein klassisches Beispiel von ineffizienten Resultaten stellt die Fehlallokation knapper Ressourcen dar. Hayek betont ausdrücklich, dass wir viel Schaden anrichten, wenn wir in dem Glauben handeln, über vollständiges Wissen zu verfügen und damit die gesellschaftlichen Prozesse nach unserem Geschmack gestalten wollen, denn die Grundlage ist Wissen, das wir in Wirklichkeit nicht besitzen.

Da sehr oft versucht wird, die Anmaßung von Wissen durch wissenschaftliche Vorgänge zu legitimieren, kann alleine der Anschein von wissenschaftlicher Methodik bereits sehr viel Schaden anrichten, wenn die Methodik nicht kritisch betrachtet wird. Es liegt in der Natur des Menschen, soziale Prozesse kontrollieren zu wollen, was zu einer sehr eingeschränkten Kritikfähigkeit führt, und Kritik daher meist ignoriert oder unterdrückt wird. Wenn dies der Fall ist, dann liegt das Interesse in der Kontrolle und Gestaltung der Gesellschaft auf der Grundlage des Trugschlusses, dass alle gesellschaftlichen Merkmale erklärt und somit vorhergesagt und gestaltet werden können.

Um Schaden an der Gesellschaft durch solche Menschen zu vermeiden, hat die Suche und Enthüllung der Wahrheit absolute Priorität. Was gibt es für eine bessere Enthüllung der Wahrheit als die pure Reflexion von dem, was „ist“. Dieses „sein“ wird am besten durch nicht gestörte Marktpreise reflektiert, da diese die Bedürfnisse der Marktteilnehmer widerspiegeln. Marktpreise zeigen auf, was Menschen für ein bestimmtes Gut oder eine bestimmte Dienstleistung bereit sind, zu zahlen oder um welchen Preis sie bereit sind, das Gut oder die Dienstleistung zu erwerben. Dieser Preis hängt einzig und alleine von dem durch das Gut oder der Dienstleistung stiftenden Nutzen für den Menschen ab. Daher stellt eine Störung des Marktmechanismus nichts anderes als eine aktive Anmaßung von Wissen dar. Da wir bereits gesehen haben, dass eine Anmaßung von Wissen zu Unwahrheit führt, kann geschlossen werden, dass Marktinterventionen falsch sind und daraus resultierende Preise eine falsche Realität widerspiegeln.

Dass die Suche nach der Wahrheit das ultimative Ziel ist und nicht aufgegeben werden sollte, wird auch von Hayek erwähnt, indem er die Ansicht vertritt, dass er wahres, aber unvollkommenes Wissen einer Anmaßung von exaktem Wissen, das aber letztlich falsch ist, vorzieht.

Es ist nützlich, soziale Phänomene zu untersuchen, doch sollte den agierenden Forschern bewusst sein, dass es unmöglich sein wird, je alle Eigenschaften aller komplexen sozialen Strukturen und Dynamiken zu verstehen, da diese von sozialer Kohärenz, Präferenzen, und vielen anderen Faktoren abhängen, die sich noch dazu über die Zeit hinweg verändern. Daher ist und wird es für eine zentrale Autorität oder Stelle immer unmöglich sein, die Bedürfnisse und Wünsche der Gesellschaft genau zu kennen oder bestimmen zu können. Daher basiert die Annahme, dass eine zentrale Autorität oder Stelle über alle Fakten und Informationen verfügt, um eine Wirtschaft zu steuern, auf einem Trugschluss der bewussten oder unbewussten Anmaßung von Wissen.

Das Ergebnis der Annahme von Wissen stellt tatsächlich ein Hindernis für das Fortschreiten des menschlichen Intellekts dar, da es die Menschen im Streben nach vollkommenem Wissen über komplexe soziale Prozesse behindert, wobei dieses Hindernis durch das bloße Vertrauen auf statistische Informationen genährt wird.

Im Sinne Hayeks kann man nur hoffen, dass die menschliche Spezies in der Lage ist, die Gefahr der Anmaßung von Wissen nicht nur für die Grenzen ihres Intellekts, sondern auch für den Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen zu verstehen.

Author

  • Stephan Unger

    Stephan Unger ist Professor für Finanzwissenschaft am Saint Anselm College in New Hampshire, USA. Mit umfassender Erfahrung sowohl in der akademischen Welt als auch im Finanzsektor war Stephan unter anderem als Börsenmakler, Corporate-FX/Fixed-Income-Strukturspezialist sowie als Direktor eines algorithmischen FX-Handelsunternehmens tätig. In der Wissenschaft hatte er Positionen an der Wirtschaftsuniversität Wien, der Universität Wien, dem Saint Anselm College, dem New England College und dem Endicott College inne, wobei sein Fokus auf den Bereichen Finanzwissenschaft und Makroökonomie liegt.

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