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Wenn gute Absichten Kinder töten

Wenn gute Absichten Kinder toeten

Das EU-Lieferkettengesetz wird, trotz guter Absichten, zu dramatisch steigender Kinderarmut und Kriminalität führen.

Sie haben es sicher gehört – die EU hat sich auf das Lieferkettengesetz geeinigt. Und wie nicht anders zu erwarten war, riskiert nun jeder, der sich auch nur ansatzweise kritisch zum Gesetz äußert, ein charmantes “Wollen’s Kinderarbeit verteidigen?” zur Antwort zu bekommen. Aber genau deshalb, weil seit vielen Jahren jede Diskussion über die tatsächlichen Wirkungen (gut gemeinter) Gesetze mit moralingetränkten Knebeln abgedreht wird, sorgen wir für immer mehr Probleme in der Welt.

Versetzen Sie sich in die Situation einer Familie, die ihre Kinder zur Arbeit schickt – irgendwo in Afrika, Asien oder in Südamerika. Warum machen diese Familien das? Aus ökonomischer Sicht ist die Antwort – wenngleich abstrakt – einfach: Weil aus Sicht dieser Familien die Kinderarbeit die beste Option ist, die ihnen zur Verfügung steht. Sie sind in einer wirtschaftlich prekären Situation, die es erfordert, dass alle arbeitsfähigen Familienmitglieder einer Beschäftigung nachgehen. Schärfer formuliert: Wenn die Kinder in solchen Familien nicht arbeiten gehen, hungern sie.

Man darf dabei nicht vergessen, dass Familien in Europa heute zwar nicht mehr in dieser Situation sind, aber vor noch knapp 200 Jahren war das anders: Kinderarbeit war damals an der Tagesordnung. Wenn man den moralischen Urteilen von heute zuhört, könnte man zu dem Schluss kommen, dass unsere Vorfahren schlechte Eltern waren, die ihre Kinder nicht leiden konnten. Tatsache ist: Die Familien von damals waren in einer wirtschaftlichen Situation, welche Kinderarbeit notwendig machte. Erst die um sich greifende Marktwirtschaft sorgte für den massiven Wohlstandsgewinn, der es Familien nach und nach erlaubte, ihre Kinder nicht mehr zur Arbeit zu schicken – eines der größten Verdienste des marktwirtschaftlichen Systems. Die Gesetze zum Verbot der Kinderarbeit in Europa kamen erst, nachdem diese durch die Wohlstandsentwicklung zu einem Randphänomen gemacht wurde.

Es gibt also zwei Wege, die man bei der Bekämpfung von Kinderarbeit einschlagen kann. Der erste Weg ist derjenige unserer Vorfahren: Den Lebensstandard der Bevölkerung heben, und dadurch Kinderarbeit obsolet machen. Das ist ein zwar langsamer, aber nachhaltiger Weg. Der zweite Weg ist der, welchen die geschichtsvergessene und naive europäische Politik zunehmend verfolgt: Verbote, ohne zuvor die Lebensumstände der Betroffenen zu verbessern.

Versetzen Sie sich nochmals in die Situation der Familie, die aus einer Notsituation heraus ihre Kinder zur Arbeit schicken muss. Wenn Unternehmen keine Kinder mehr beschäftigen dürfen, nimmt man den Familien diese Möglichkeit. Welche Alternativen bleiben den Familien dann? Kriminalität? Menschenhandel? Unter Umständen nur noch das Hungern, und in Extremfällen das Verhungern.

Das ist die tragische Wirkung solcher Verbote. Keinem Menschen wird dadurch geholfen, wenn man ihm diejenige Option nimmt, die er für sich als die beste wahrnimmt. Aber: Die ohnehin schon kaum vorstellbare Notsituation dieser Menschen wird dadurch noch weiter verschlimmert. Von den derzeit etwa 160 Millionen Kindern, die einer Arbeit nachgehen, wird ein großer Teil aus Verzweiflung in den Schwarzmarkt und die Kriminalität getrieben, um am Leben zu bleiben. Einige Millionen Kinder werden an Hunger zugrunde gehen. Europäische Politiker präsentieren sich als Vorreiter im Kampf gegen Kinderarbeit, während sich der Kampf, den sie führen, bei genauerer Betrachtung als Kampf gegen die betroffenen Kinder herausstellt.

Was wäre stattdessen zu tun? Die Familien in den betroffenen Ländern brauchen mehr und bessere Möglichkeiten – beispielsweise bessere Arbeitsplätze. Solche Arbeitsplätze sind das Ergebnis einer marktwirtschaftlichen Entwicklung. Wenn es uns also ernst ist mit einer Bekämpfung der Kinderarbeit, sollten wir es Unternehmen so einfach wie möglich machen, in diesen Ländern Strukturen aufzubauen, die zu besseren Arbeitsplätzen führen. Wir sollten diesen Ländern bei der Industrialisierung nicht im Weg stehen, indem wir auf die Einhaltung unserer Vorschriften pochen.

Verbote, die mehr Probleme schaffen als sie lösen, sind keine sinnvolle Antwort auf (aus europäischer Sicht) unerwünschte Verhältnisse. Die Antwort muss in der Förderung von Entwicklung und Wohlstand liegen – und zwar nicht durch Almosen, sondern durch nachhaltige Schaffung von notwendigen Strukturen. Wir sollten uns von einer Politik, die in den betroffenen Regionen dieser Welt nur als hochmütig empfunden werden kann, verabschieden und stattdessen Maßnahmen unterstützen, welche die schwierige Situation unzähliger Menschen erträglicher machen.

Author

  • Martin Gundinger ist seit 2020 als Senior Research Fellow (seit 2016 als Research Fellow) am Hayek Institut und am Austrian Economics Center tätig. Neben seiner Tätigkeit als Wirtschaftswissenschaftler hat er viele Interessengebiete, die von der Informatik bis zur Medizin reichen. Er begeistert sich für Spitzentechnologie und glaubt fest an die Kraft des menschlichen Erfindungsreichtums und der individuellen Freiheit.

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Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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