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Wirtschafts(modell)krise

Wirtschaftsmodellkrise

Trotz wiederkehrenden Versagens halten viele Ökonomen an überholten Modellen fest. Ein Umdenken ist angesichts der Gefahren von Fehlentscheidungen dringend nötig.

Nach der letzten großen Wirtschaftskrise ab 2008 wurde nicht nur von Ökonomen eine Krise der Volkswirtschaftslehre diagnostiziert. Und das durchaus zurecht: Die große Mehrheit der Ökonomen hat die Krise nicht kommen sehen. Im Gegenteil: Man war sich noch 2007 weitestgehend einig, auf eine gut funktionierende Wirtschaft zu blicken. Nach der Wirtschaftskrise wurden Rufe nach einem Paradigmenwechsel in der volkswirtschaftlichen Forschung und Lehre laut. Etwa 15 Jahre später darf man mit Fug und Recht behaupten: Geändert hat sich, wenn überhaupt, nur wenig.

Gezeigt hat sich das ein weiteres Mal in der Inflationskrise, mit der wir noch immer und vermutlich noch eine Weile zu kämpfen haben. Kaum ein Ökonom hat diese Krise kommen sehen – um Erklärungen, warum man sich hier getäuscht hat, ist man jedoch nicht verlegen. Meist wird argumentiert, der Grund für die Inflationskrise sei der Einmarsch Russlands in die Ukraine gewesen. Dabei wird übersehen, dass schon davor die Inflationsrate deutlich nach oben gegangen ist, entgegen den Einschätzungen vieler Ökonomen. In Österreich lag die Inflationsrate im Februar 2022 schon bei knapp 6%. Wenn also populäre volkswirtschaftliche Modelle regelmäßig versagen beziehungsweise zu falschen Einschätzungen verleiten, stellt sich die Frage: Müssen die Modelle und ihre Annahmen nicht grundsätzlich hinterfragt werden?

Grenzen der Mathematik

Der Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern (1902 – 1977), dessen Geburtstag sich am 24. Jänner jährt, erkannte den Wert der Mathematik in der Ökonomie und forderte trotzdem einen sorgsamen Umgang mit ihr. Morgenstern betrachtete die Ökonomie als ein Feld, in dem die Komplexität menschlichen Verhaltens und die Grenzen mathematischer Modelle eine zentrale Rolle spielen. Seine Pionierarbeit in der Spieltheorie sowie seine kritische Haltung gegenüber einer übermäßigen Abhängigkeit von statistischen Methoden und empirischen Daten bietet eine wertvolle Perspektive in einer Zeit, in der zunehmend komplexe Modelle und Big Data in der Sozialforschung dominieren.

Morgenstern würdigte die Rolle der Mathematik in der Wirtschaftswissenschaft. Er sah darin ein Werkzeug, um ökonomische Analysen klar und präzise zu formulieren. Gleichzeitig warnte er vor einer Überbetonung dieser Methoden: “Was den Einsatz von Mathematik in der Wirtschaft betrifft, so gibt es eine Fülle von Formeln, wo sie nicht gebraucht werden. Es ist zu befürchten, dass sie häufig eingeführt werden, um zu prahlen. Je schwieriger das mathematische Theorem, je esoterischer der Name des zitierten Mathematikers, desto besser.” (Limits of the Use of Mathematics in Economics, 1963)

Wenn nicht sein darf, was ist…

Im Hinblick auf Modelle war es für Morgenstern entscheidend, dass Ökonomen die Grenzen der Modelle erkennen und sich bewusst sind, dass menschliches Verhalten oft nicht einer modellierten Rationalität folgt und nicht vollständig quantifizierbar ist. Das wiederum macht es schwierig, menschliches Verhalten zu modellieren. Ökonomen tendieren deshalb oft dazu, ein Verhalten, das ihren Modellen widerspricht, als “irrational” abzuqualifizieren. Dabei übersehen sie, dass auch ein aus der Außenperspektive scheinbar irrationales Verhalten für die jeweils handelnde Person rational sein kann. Der Handlungsrahmen jedes Menschen ist nämlich unter anderem vom individuellen Wissens- und Erkenntnisstand vorgegeben – und weil niemand “objektives” oder gar vollständiges Wissen innehat, ist der Vorwurf der Irrationalität bei Abweichungen von den Modellen nicht zu rechtfertigen. Wenn diese Tatsache von Modellen nur unzureichend berücksichtigt werden kann, ist dies eine Einschränkung (oder unter Umständen sogar ein Fehler) des Modells, nicht ein Fehler der handelnden Person.

Insofern könnte man vielen Ökonomen heute den Vorwurf machen, dass sie den Gegenstand ihrer Forschung – das menschliche Verhalten – ignorieren, um die Eleganz ihrer Modelle nicht zu gefährden. Um die volkswirtschaftliche Forschung aus der Krise zu führen, ist ein ausgewogener Ansatz zwischen logischer Analyse und empirischer Datenerhebung und -analyse notwendig. Es muss außerdem klar gemacht werden, welche Annahmen den Modellen zugrunde liegen – und zwar umfassend.

…sind die Prognosen falsch

Noch viel wichtiger: Ökonomen müssen sich bewusst sein, welche Aussagen durch die Aussagekraft der Modelle gedeckt sind und welche nicht. Denn der Hauptgrund dafür, dass es immer wieder zu Fehleinschätzungen mit katastrophalen Folgen kommt, ist, dass die Modelle zu Aussagen verführen, die nur unter oft realitätsfernen Annahmen zutreffen. Dass die Annahmen notwendig sind, um die Modelle handhabbar zu machen, ist keine Rechtfertigung für den Erklärungsgehalt klar überschießende Aussagen.

Auch die nächste Wirtschaftskrise wird von jenen Ökonomen, die sich durch mathematische Eleganz betören lassen, nicht vorhergesehen werden. Der wachsende Einfluss dieser Gruppe sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik bedeutet ein steigendes Risiko desaströser Fehlentscheidungen. Es ist wichtig und dringend an der Zeit, dass Ökonomen die Grundannahmen ihrer Modelle kritisch hinterfragen. Mindestens genauso wichtig ist es für Entscheidungsträger, sich zu fragen, inwiefern sie verantwortungsvoll handeln, wenn sie weiterhin jenen Experten vertrauen, die sowohl die Krise ab 2008 als auch die Inflationskrise nicht vorhergesehen haben. Denn: Die nächste Krise könnte bereits vor der Türe stehen.

Author

  • Martin Gundinger ist seit 2020 als Senior Research Fellow (seit 2016 als Research Fellow) am Hayek Institut und am Austrian Economics Center tätig. Neben seiner Tätigkeit als Wirtschaftswissenschaftler hat er viele Interessengebiete, die von der Informatik bis zur Medizin reichen. Er begeistert sich für Spitzentechnologie und glaubt fest an die Kraft des menschlichen Erfindungsreichtums und der individuellen Freiheit.

Die Meinungen, die hier auf hayek-institut.at veröffentlicht wurden, entsprechen nicht notwendigerweise jenen des Hayek Instituts.

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